Ein kleiner Appetitmacher für den Herbst (Fiktion)

Ullov Löns

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Die Sonne dringt langsam und mühevoll durch den Morgennebel. Hinter mir liegt der Wald, den sie noch überwinden muss, um endlich die ersten warmen Strahlen in die Bucht zu senden und den Nebel zu vertreiben.

Ich bin vor zweieinhalb Stunden aufgestanden. Ich habe mich mühevoll aus dem Bett gequält, ganz leise,damit niemand aufwacht. Ich habe die Kaffeemaschine angeschaltet, mir meine Watwäsche angezogen und mich auf den Weg gemacht in diese stille Bucht.

Seit zwei Tagen bin ich jetzt wieder da, auf meiner kleinen dänischen Insel. Die Wochen, Tage, Stunden davor zogen sich endlos hin. Viel Zeit zum Nachdenken hatte ich nicht, der Job, die Familie haben mich auf Trab gehalten, so dass an Ruhe nicht zu denken war. Mein Chef hat mich natürlich in den letzten beiden Wochen mächtig gefordert. Alles musste unbedingt vor dem Urlaub erledigt werden, der nächste Auftrag war noch wichtiger als der letzte und wenn man nach 12 Stunden nach hause kam waren da die Kinder, die all ihre spannenden Dinge erzählen müssen, die sie am Tag erlebt haben, Hilfe bei den Hausaufgaben brauchen und irgendwann ins Bett gebracht werden wollen.

Seit zwei Stunden bin ich am Wasser.
Die Bucht steht in keinem Angelführer. Ich habe sie vor Jahren zufällig befischt und seit dem komme ich immer wieder zurück. Jedes Jahr bin ich gespannt, was die Herbst- und Frühjahrsstürme wieder verändert haben. Schaffe ich es noch auf die dritte Sandbank? Befinden sich die kleinen Rinnen und Gräben noch dort wo sie im letzten Jahr waren? Erreiche ich noch die kleinen Steinfelder, an denen sich immer Fische aufhalten und bei den kurz bevor ich sie erreichen mein Adrenalin steigt und ich unruhig werde?
Bei niedrigem Wasserstand und günstigem Wind kann man weit ins Wasser hineinwaten. Man steht dann 150-250 Meter vom Ufer entfernt in mitten von Sandbänken, Seegraswiesen und kleinen Riffen. Es gibt hier selten größere Fische, aber nach zwei Tagen ohne Biss ist diese Bucht genau die richtige.

Ich hänge meinen Gedanken nach. Bisher war es ein gutes Jahr. Ich habe viele Dinge geschafft, die mir wichtig sind. Im Job läuft es und der Familie geht es gut. Die Kleine braucht ein neues Fahrrad, aber das hat Zeit bis Weihnachten und damit dürfen sich Oma und Opa beschäftigen.
Eigentlich müsste ich jetzt konzentrierter sein. Eigentlich müssten meine Sinne nur auf das Wasser konzentriert sein. Ich schaffe es nicht. Der ewige Rhythmus aus werfen, kurbeln, Spinnstop, Step schläfert mich ein und ich lasse es einfach zu. Auch das gehört dazu, sich einfach gehen zu lassen, Gedanken die durchs Wasser kreisen, unbestimmt und ziellos, einzutauchen ins Große in dessen Mitte man lustvoll steht.

Ein Schwall direkt vor meiner Rutenspitze reißt mich aus meiner Lethargie. Ich bin, ohne es zu merken, bis an das größere Steinfeld gewatet und sie sind da!
Ich sehe durch meine Polbrille eine Flanke blitzen, silbern, aber erkennbar klein. Mein Puls geht hoch und trotz des aufkommenden kühlen Morgenwindes, der die Wasseroberfläche zum kräuseln bringt, fange ich leicht an zu schwitzen. Die nächste Viertelstunde bin ich hochkonzentriert. Es gibt nur noch mich und den Blinker. Die leichte Rute überträgt das Taumeln und Zittern des 10g-Knirpses direkt in mein Handgelenk und man fragt sich wie sie den finden sollen. Aber sie haben ihn schon oft gefunden und werden ihn immer wieder finden.

Meerforellenangeln ist eine merkwürdige Mischung aus Demut, Verlorenheit und Vertrauen. Im wirklichen Leben bin ich kein Romantiker, aber wenn ein Fisch mit grünem Rücken und blankem Silberkleid vor mir liegt, berührt das eine Seite an mir, die mir sonst fremd und fern ist.

Auf den nächsten 500m geschieht nichts. Als ich gegen halb zehn die Spitze der Bucht erreiche, beschließe ich noch einige Würfe zu machen und dann zurückzulaufen. Ich werde Brötchen holen und den Lieben ein gutes Frühstück machen, dass mögen sie und deswegen lassen sie mich morgens und abends gehen, ohne zu murren.

An der Spitze ist es frischer. Eine kräftige Brise sorgt für kleine Wellen und eine sichtbare Strömungskante. Ich kann mich nicht lösen und brauche das alte Ritual - Zehn Würfe noch. Beim siebten Wurf spüre ich, als der Blinker ca. 20m vor mir eine Seegraskante überquert, einen leichten Ruck. Jetzt nur nicht langsamer werden, sondern leicht beschleunigen. Der Löffel befindet sich jetzt über dem Sand und erreicht im nächsten Moment das kleine bewachsene Steinfeld.

Ein Schlag in der Rute und vor mir explodiert das Wasser. Die Forelle macht sofort zwei Sprünge. Mein Puls überschlägt sich und das Adrenalin schießt eimerweise durch meinen Körper. Ich weiß genau, dass ich eben Riesenglück gehabt habe, denn der Fisch hängt noch. Jetzt bleibt er stehen. Ich erhöhe vorsichtig den Druck und bereitwillig folgt sie in meine Richtung. Das ist eigentlich das Unangenehmste was passieren kann, denn ich weiß, das der Drill noch nicht zu Ende ist. Es ist nur eine Frage der Zeit bis die Trutte begreift was gerade passiert und wann sie sich entscheidet ihre Kräfte zu mobilisieren.

Sie ist jetzt 5-6 Meter vor mir und ich kann den großen Körper gut erkennen. Sie schießt nach rechts und links und lässt immer wieder meine Bremse kurz singen. Da sie recht dunkel wirkt entschließe ich mich den Drill zu forcieren. Zwei Clicks an der Bremse und dann kurbel ich sie ran. Ich greife sie mit der linken Hand im Nacken. Obwohl ich grosse Hände habe, macht es mir Mühe sie mit sanften Druck festzuhalten.

Es ist ein Milchner. Der Laichhaken ist deutlich zu erkennen und der Fisch leuchtet mir gold-braun entgegen. Die Trutte ist eine typische Herbstforelle. Kräftig und stark, aber schon komplett gefärbt. Er hat sicher über 65cm und vielleicht etwas um 3,5kg.
Ich löse den Haken und lasse den Fisch ins Wasser gleiten. Er bleibt kurz stehen, wie um sich zu orientieren und verabschiedet sich dann mit einem kräftigen Schlag mit der Schwanzflosse ins tiefe Wasser.

Jetzt erst merke ich, dass meine Hände und Knie zittern. Ich stolpere aus dem Wasser und setze mich auf einen großen Stein. Meine Hände bekommen kaum die Zigarette und das Feuerzeug in den Griff.
Für diesem Morgen ist das Angeln zu Ende. Ich freue mich schon jetzt auf morgen früh, obwohl mir nun kalt ist und ich Hunger habe.

Auf der Wanderung am Ufer der Bucht entlang, lasse ich, dass eben Erlebte nochmal durch meinen Kopf und Körper laufen.

Ich muss lächeln, morgen ... morgen bin ich wieder da,...

in Demut, Verlorenheit und Vertrauen.
 
Zuletzt bearbeitet:

goeddoek

Nur noch genießen ;-)
AW: Ein kleiner Appetitmacher für den Herbst (Fiktion)

Unglaublich, Uli - das musste ich dreimal lesen #6

Was für eine tolle Geschichte - das wär doch was für's Magazin :vik:

Vielen Dank dafür :m
 

Blauzahn

Muldenfischer
AW: Ein kleiner Appetitmacher für den Herbst (Fiktion)

Nach mehrmaligem Lesen vertieft man sich so sehr, das man irgendwann neben dir auf dem Stein bei der "Zitter"Zigarette sitzt!

....sauber Uli #6
 

Maok

wohnt nich mehr hier
AW: Ein kleiner Appetitmacher für den Herbst (Fiktion)

Wirklich schöner Bericht! Toll geschrieben! Danke! #6

Grüße

Maok
 

Dart

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AW: Ein kleiner Appetitmacher für den Herbst (Fiktion)

Manno Uli
Das ist wirklich vom Allerfeinsten#6
Thx, für diesen herrlichen Bericht.
Herzliche Grüße, Reiner#h
 
AW: Ein kleiner Appetitmacher für den Herbst (Fiktion)

Schließe mich meinen Vorrednern voll und ganz an!!!!!!!!!!! Gaaaanz Klasse!!!!!!!!
 
D

Dirk170478

Guest
AW: Ein kleiner Appetitmacher für den Herbst (Fiktion)

Superklasse geschrieben!#6

Danke, dass du uns so an deinen Gedanken teilhaben lässt!


P.S.:

Morgen früh starte ich auch endlich mal wieder einen Versuch auf die Trutten...:z
Vielleicht klappt es ja, dass ich diesmal erfolgreich Kontakt bekomme.|rolleyes


Gruss Dirk
 

KHof

Member
AW: Ein kleiner Appetitmacher für den Herbst (Fiktion)

Hallo Uli!

Genau so ist das.

Klaus (Mitte Oktober wieder dort.)
 

Schutenpiet

We sit on top
AW: Ein kleiner Appetitmacher für den Herbst (Fiktion)

Super geschrieben.. Du bist ja reinweg ein Künstler ;)
..So ´ne Art Truttenlöns, im besten Sinne Danke dafür
Peter
 

Ines

Walk the Dog
AW: Ein kleiner Appetitmacher für den Herbst (Fiktion)

Da hat der romantisch-nichtromantische "Truttenlöns" ja mal wieder ganz kräftig gedichtet!

Truttenlöns ist natürlich ein ganz klein wenig bösartig - aber die Geschichte ist gut und weckt Sehnsucht, und das soll sie ja wohl auch.

Ines
 

Leo08

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AW: Ein kleiner Appetitmacher für den Herbst (Fiktion)

Einfach klasse...
Gut das ich noch mal reingeschaut habe.
Die Vorfreude auf unseren Dänemarkurlaub ist ins unermessliche gestiegen.#6
Gruß Leo
 

Marcus van K

Wein mit Schnaps verdünner
AW: Ein kleiner Appetitmacher für den Herbst (Fiktion)

ohne Worte und einfach nur bestens|jump:
 

xfishbonex

Active Member
AW: Ein kleiner Appetitmacher für den Herbst (Fiktion)

für diesen bericht möchte ich mich echt bedanken sehr toll geschrieben :ldeswegen fahre ich morgen auch wieder an die küste um die trutten zu jagen :q durch die geschichte habe ich sogar noch mehr lust bekommen #6
danke nochmal
lg andre
 
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