Man muss auch verlieren können

Franz_16

Mitglied
Den ganzen Tag war ich von Termin zu Termin gehetzt. Und nun schlängelte ich mich im Feierabendverkehr in Richtung Wasser.

Als ich in den kleinen Feldweg einbog der in Richtung Wasser führt legte sich die Anspannung langsam, als ich am Ufer des Flusses stand atmete ich tief ein und freute mich auf die bevorstehende Nacht die ich hier verbringen wollte.

Ich stieg aus und öffnete den Kofferraum um die elektr. Pumpe fürs Boot zu holen. 2,3 Sekunden suchten meine Augen die Ladefläche ab ich hob noch das ein oder andere Gepäckstück hoch und dann war es Gewissheit - ich Trottel hab die Pumpe daheim vergessen.
Nicht dass ich nicht unbedingt eine elektrische Pumpe gebraucht hätte, ich hatte halt nur dummerweise auch keine andere zu Hand.

Was sollte ich jetzt tun? Nochmal 40km heim fahren und die Pumpe holen, oder ohne Boot angeln?

Wenn ich ohne Boot angeln würde, hätte ich den ganzen Abend das dumme Gefühl, einen Kompromiss eingegangen zu sein, der mich evtl. vom Fisch fernhält. Ne, das wollte ich mir nicht antun und so stieg ich wieder ins Auto und fuhr nochmal heim.

Ich versuchte mich nicht über mich selbst zu ärgern und kam ca. 1 Std. später erneut am Gewässer an.

Diesmal mit Pumpe, und da in diesen Tagen Ende August der Sonnenuntergang schon deutlich schneller einsetzt als noch vor wenigen Wochen, war etwas Eile geboten.

Also, Boot aufpumpen, Gerödel bereitlegen, einladen und starten!

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Die Fahrt an die Angelstelle, war ein einzigartiger Moment. Sich von der Strömung auf diesem traumhaften Fluss der untergehenden Sonne entgegen treiben zu lassen. Wow!


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An der Stelle angekommen, war erstmal Gerödel schleppen und aufbauen sowie Köderfische feedern angesagt.

Die Stelle ist vom Ufer aus nicht bzw. kaum erreichbar, entsprechend jungfräulich sah sie auch aus.

Das Feedern klappte wie immer in der Naab auf Ansage. Nach 2 Minuten kam der erste Güster zum Vorschein - für meinen Geschmack allerdings etwas groß. Neuer Wurf, Neuer Biss - wieder ein Güster.

Ich montierte schnell eine kleine Stipprute, fütterte eine Handvoll vor das Seereosenfeld an dem ich mich befand und legte dort die Stippe mit 2 Maiskörnern beködert ab - schon bald tauchte die Pose ab und eine pfündige Rotfeder konnte sicher angelandet werden. Perfekt, die soll es sein.

Ich machte mich dann sogleich mit dem Boot auf aufs Wasser, mit eingeschaltetem Echolot sah ich mir die interessanten Stellen an und fand eine schöne Kante an der der Fluss zum Ufer hin von 3,70m auf 1,2m ansteigt. Genau an dieser Kante legte ich die U-Posen Montage ab und zog die Rute zurück zum "Camp".

Da es bereits stark dämmerte stelle ich nun auch meinen Brolly auf. Ich liebe die Ruhe am Wasser, und warte mit dem Aufstellen von weithin sichtbaren "Behausungen" meist bis kurz vor der Dunkelheit.

Als mein bescheidenes Camp stand, das unnötige Zeug hinter der Liege verstaut war ging es an die Beköderung der zweiten Rute.

Der Plan sah eigentlich vor, diese mit Tauwurmbündel zu fischen.
Da ich beim Feedern aber schon wieder Weissfischaktivität ohne Ende feststellen konnte und keine Lust hatte, ständig den Köder zu kontrollieren montierte ich ein ca. 20cm langes Rotauge welches ich tiefgefroren mitgeschleppt hatte.

Die 2. Rute warf ich ebenfalls mit einer U-Posen Montage nicht weit vor meine Füße in ca. 2,5m tiefes, stärker strömendes Wasser.

Mit Einbruch der Dunkelheit, kam es wieder einmal zu einem typsichen Naab-Phänomen Milliarden Eintagsfliegen bildeten einen Teppich auf dem Fluss und ganze Wolken in der Luft.


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Nachdem ich alles Zeug, was ich nicht mehr brauchen würde verstaut hatte, brachte ich das Boot in Position, warf einen großen Kescher hinein, eine Ersatzlampe und was man sonst noch brauchen könnte und begab mich dann auf meine Liege.

Ich war gerade dabei wegzunicken, als ich plötzlich meinen Bissanzeiger frieldich im Dauerton pfeiffen hörte. Hmm... ist bestimmt ein Ast reingetrieben. Beim 2. Blick war klar, dass es kein Ast war, der Fisch riss die Schnur von der Rolle der eben erst eingefworfenen Rute, dass einem hätte Angst werden können.

Ich zögerte nicht und schlug an. Dann merkte ich schon was los war. Ja, das war nichts kleines. Ich konnte den Fisch nicht halten und er zog rasant flußabwärts. Ich hielt die Spannung zum Fisch stieg ins Boot, stieß mich ab und konnte dadurch, dass ich nun auf ihn zutrieb Meter um Meter Schnur einholen. Noch 30-40m Schnur trennten uns und der Kampf wurde nun heftiger, der Waller war nicht vom Grund wegzubekommen und ich erhöhte den Druck auf den Fisch was er mit einer brutalen Flucht quittierte, und dann passierte es - der Gegendruck war plötzlich weg. Der Fisch war ausgeschlitzt.

Ich hätte heulen können - wie gerädert holte ich die Montage ein. Das Material hatte gehalten, aber offensichtlich hatte ich nicht stark genug angeschlagen - oder eben einfach Pech.

Wieder am Ufer angekommen überlegte ich was zu tun sei.
Ich schnappte mir die Feederrute, fing schnell eine Güster und beköderte dann diese um die Rute möglichst schnell wieder auszulegen.

Mein Adrenalinspiegel war wohl noch für etwa eine Stunde weit über dem Normalwert. Irgendwann gelang es mir dann dennoch einzuschlafen. Bis zum Morgen hörte ich leider kein Signal des Bissnanzeigers mehr und packte im dichten Nebel mein Gerödel zusammen, belud das Boot und fuhr der hinter dem Nebel angedeuteten Morgensonne entgegen zurück in die Zivilisation.


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Tja, diesmal hatte der Fisch die Oberhand behalten - aber es ist noch nicht aller Tage Abend, mein Freund ;)
 

Aalzheimer

Well-Known Member
AW: Man muss auch verlieren können

Das sind Berichte die ich lesen möchte. Sehr schön geschrieben und fair die Niederlange eingestanden. Daumen hoch.
 

Andal

Teilzeitketzer
In stillem Gedenken
AW: Man muss auch verlieren können

#6 Sauber! #6
 

Dennis Knoll

Angeln-mit-Stil
AW: Man muss auch verlieren können

Toller Bericht.
So wünsche ich mir das mehr hier im Board :)

:m
 

daci7

Käpt'n Iglo
AW: Man muss auch verlieren können

Klasse Bericht! Danke #6
 

Ossipeter

Active Member
AW: Man muss auch verlieren können

Der Franz der kanns, fast!
 

j.Breithardt

forever young
In stillem Gedenken
AW: Man muss auch verlieren können

Hallo Franz,#h

macht einen ein verlorener Fisch an einem solchen traumhaften Abend zum Verlierer, ich denke nein.#d

Dieses Phänomen mit den Eintagsfliegen habe ich vor mehr
als 20 Jahren einmal erleben dürfen. Es hat mir eine Gänsehaut über den ganzen Kürper gejagt, als diese Wand von Tieren auf mich und meine Lampe zusteuerte. Das werde ich bis ans Lebensende nicht mehr vergessen.
 

kati48268

Well-Known Member
AW: Man muss auch verlieren können

Das Böötchen hättest aber auch eben auf die konventionelle Art per Lunge aufpusten können, oder?! |rolleyes
 

phirania

phirania
In stillem Gedenken
AW: Man muss auch verlieren können

Echt super Bericht.#6#6
Geht so richtig unter die Haut..
Der nächste Wels kommt bestimmt.
 

Franz_16

Mitglied
AW: Man muss auch verlieren können

Das Böötchen hättest aber auch eben auf die konventionelle Art per Lunge aufpusten können, oder?! |rolleyes

Ne, das hat schraubventile ohne passenden adapter kriegst da nix rein.

@jürgen
Und jetzt stell dir vor, du drillst grad vom boot aus nen waller und hast die kopflampe an. Das ist schon heftig.
 

skally

salty
AW: Man muss auch verlieren können

Hehe Danke für den Bericht!

Aber wenn ich des so lese, hast du doch nichts verloren, außer ein Aussteiger!:) Eher an Erfahrung gewonnen!

1. Die Pumpe wirst du nicht noch einmal vergessen.

2. Die Stelle erkundet sich das nächste mal schneller, oder erkunden ist schon garnicht mehr notwendig.

3. Du weisst nun gewissenhaft das große Fische anwesend waren, und diese auch ausschlitzen können. |supergri

4. Naturphänomene Eintagsfliege live miterlebt.

Den kriegste noch! Beim nächsten Ansitz denkst du zwangsläufig an diesen und alles wird gut.:m

Viel Erfolg/Beste Grüße
 

SveMa

Member
AW: Man muss auch verlieren können

Toller Bericht, danke dafür !
 
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